Die Geschichte Sardiniens reicht von den frühen Kulturen der Jungsteinzeit über die Nuraghenkultur und wechselnde Fremdherrschaften bis zur Entstehung des heutigen Italien. Seine strategische Lage im Mittelmeer, Bodenschätze, Wälder und fruchtbare Ländereien machten Sardinien über Jahrhunderte für unterschiedliche Mächte interessant.
Die frühen Kulturen und ihre archäologischen Zeugnisse behandeln wir ausführlicher im Beitrag Archäologie Sardinien. Hier finden Sie die wichtigsten Epochen und Ereignisse der sardischen Geschichte im chronologischen Überblick.
Sardinien Geschichte im Überblick
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4.–3. Jt. v. Chr.Domus de Janas und pränuraghische Kulturen
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ab 2. Jt. v. Chr.Nuraghenkultur mit Nuraghen, Gigantengräbern und Heiligtümern
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späte Nuraghenzeit / frühe EisenzeitGiganten von Mont’e Prama
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9.–6. Jh. v. Chr.Phönizier und Karthager
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238 v. Chr.Beginn der römischen Herrschaft
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9.–11. Jh.Herausbildung der vier sardischen Judikate
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1324–1409Aragón, Arborea und Eleonora d’Arborea
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1720Sardinien fällt an das Haus Savoyen
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1794Sardischer Aufstand, heute Sa die de sa Sardigna
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1861Gründung des Königreichs Italien
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1948Sardinien wird autonome Region Italiens
Von der Frühgeschichte zur römischen Herrschaft
Sardiniens Geschichte begann lange vor den Nuraghen. Bereits in der Jungsteinzeit entstanden auf der Insel sesshafte Kulturen, deren Spuren bis heute erhalten sind.
Zu ihren eindrucksvollsten Zeugnissen gehören die Domus de Janas – in den Fels geschlagene Grabkammern und teilweise ausgedehnte Nekropolen. Daneben entstanden Menhire, Dolmen und andere megalithische Anlagen.
Während des 2. Jahrtausends v. Chr. entwickelte sich die Nuraghenkultur, die Sardinien bis heute wie kaum eine andere Epoche prägt. Ihre bekanntesten Zeugnisse sind die Nuraghen, die charakteristischen steinernen Turmbauten, von denen sich noch Tausende über die gesamte Insel verteilen.
Zur nuraghischen Kultur gehören auch die monumentalen Gigantengräber als gemeinschaftliche Begräbnisstätten sowie Brunnenheiligtümer und heilige Quellen, die von der religiösen Bedeutung des Wassers zeugen.
Zu den außergewöhnlichsten archäologischen Funden zählen die Giganten von Mont’e Prama auf der Sinis-Halbinsel. Die überlebensgroßen Steinfiguren stellen unter anderem Bogenschützen, Krieger und sogenannte Boxer dar und gehören zu den bedeutendsten Zeugnissen der späten Nuraghenkultur.
Ab dem frühen 1. Jahrtausend v. Chr. gründeten Phönizier Niederlassungen an Sardiniens Küsten. Orte wie Nora, Tharros, Sulky und Karaly entwickelten sich zu wichtigen Handelsplätzen. Später gerieten große Teile der Insel unter den Einfluss Karthagos.
238 v. Chr. übernahmen die Römer Sardinien. Die Insel wurde zusammen mit Korsika zur römischen Provinz Sardinia et Corsica. Besonders im schwer zugänglichen Landesinneren stieß die römische Herrschaft lange auf Widerstand.
Weiterlesen: Mehr über Domus de Janas, Nuraghen, Gigantengräber, Brunnenheiligtümer und Mont’e Prama finden Sie im Beitrag Archäologie Sardinien.
Vom Ende des Römischen Reiches zu den Judikaten
Vandalen und Byzantiner
Mit dem Niedergang des Weströmischen Reiches geriet Sardinien um 456 unter die Herrschaft der Vandalen. Im Jahr 534 eroberte das Byzantinische beziehungsweise Oströmische Reich die Insel.
Es folgte eine lange Periode politischer Unsicherheit. Ostgoten und Langobarden versuchten ebenfalls, Einfluss auf Sardinien zu gewinnen. Wiederkehrende Angriffe auf die Küsten trugen später dazu bei, dass sich Teile der Bevölkerung stärker in geschützte Gebiete des Landesinneren zurückzogen.
Das Christentum breitete sich weiter aus, stieß jedoch insbesondere in der Barbagia lange auf ältere religiöse Traditionen.
Auf byzantinische Einflüsse werden auch Traditionen zurückgeführt, die bis heute fortleben. Dazu gehört die S’Ardia bei Sedilo, das alljährlich am 6. und 7. Juli stattfindende Reiterfest.
Die vier sardischen Judikate
Mit dem schwindenden Einfluss von Byzanz entwickelte sich auf Sardinien eine eigenständige politische Ordnung. Zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert entstanden vier weitgehend unabhängige Herrschaftsgebiete, die sogenannten Judikate:
Arborea, Calari (Cagliari), Gallura und Torres-Logudoro.
An ihrer Spitze standen die Judikes. Trotz ihrer Bezeichnung waren sie nicht Richter im heutigen Sinne, sondern Herrscher der jeweiligen Gebiete.
Die politische und administrative Organisation unterschied sich in wichtigen Punkten vom klassischen europäischen Feudalsystem. Institutionen wie die Corona de Logu waren an der politischen Willensbildung beteiligt. Diese Phase weitgehender sardischer Eigenständigkeit nimmt eine besondere Stellung in der Geschichte der Insel ein.
Pisa, Genua und Aragón kämpfen um Sardinien
Pisa und Genua
Zu Beginn des 11. Jahrhunderts wurde Sardinien durch Angriffe des muslimischen Herrschers Mudschahid bedroht. Pisa und Genua griffen militärisch ein und gewannen anschließend zunehmend politischen und wirtschaftlichen Einfluss auf der Insel.
Auch Friedrich II., Staufer und König von Sizilien, zeigte Interesse an Sardinien und ernannte seinen unehelichen Sohn Enzio 1238/39 zum König von Sardinien.
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts standen große Teile der Insel unter pisanischem oder genuesischem Einfluss. Calari und Gallura waren weitgehend von Pisa abhängig, während in Torres-Logudoro unter anderem die genuesischen Familien Doria und Malaspina großen Einfluss besaßen.
Allein Arborea behauptete seine Eigenständigkeit.
Aragón und Arborea
1297 schuf Papst Bonifatius VIII. das Regnum Sardiniae et Corsicae, das Königreich Sardinien und Korsika, und übertrug Jakob II. von Aragón das Recht zur Eroberung.
Arborea verbündete sich zunächst mit Aragón gegen Pisa. Es erhoffte sich die Befreiung von der pisanischen Vorherrschaft und verfolgte zugleich das Ziel einer Vereinigung Sardiniens unter Arborea.
1324 unterlagen die Pisaner. Doch Aragón wollte Sardinien nun selbst beherrschen. Ein langer Krieg mit Arborea war die Folge.
Eleonora d’Arborea und die Carta de Logu
Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der sardischen Geschichte ist Eleonora d’Arborea.
Unter ihrer Herrschaft wurde Ende des 14. Jahrhunderts die Carta de Logu in ihrer maßgeblichen Fassung verkündet. Dabei griff Eleonora auch auf die Gesetzgebung ihres Vaters Mariano IV. zurück.
Die auf Sardisch verfasste Rechtssammlung regelte zahlreiche Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens, darunter Zivil-, Straf- und Landwirtschaftsrecht. Sie zählt zu den bedeutendsten Zeugnissen der sardischen Rechtsgeschichte.
Gut zu wissen: Die Carta de Logu überdauerte das Ende des Judikats Arborea und blieb auf Sardinien bis 1827 in Kraft.
Die schwere Niederlage Arboreas in der Schlacht von Sanluri 1409 war ein entscheidender Wendepunkt. Der Versuch, Sardinien unter Arborea weitgehend zu vereinen und seine Eigenständigkeit zu bewahren, war damit entscheidend geschwächt.
Von der spanischen Herrschaft zum Haus Savoyen
Sardinien geriet zunehmend unter aragonesische und später spanische Herrschaft. Diese lange Epoche brachte tiefgreifende politische, wirtschaftliche und kulturelle Veränderungen mit sich.
Besonders sichtbar ist der katalanische Einfluss bis heute in Alghero. Nach der aragonesischen Eroberung wurde ein großer Teil der ursprünglichen Bevölkerung vertrieben und durch katalanische Siedler ersetzt. Noch heute sind katalanische Sprache und Kultur ein wichtiger Teil der Identität der Stadt.
Ab dem 16. Jahrhundert entstand entlang der Küsten ein weitläufiges System von Wacht- und Verteidigungstürmen, die vor Angriffen und Piratenüberfällen warnen sollten. Viele dieser sogenannten Sarazenentürme prägen noch heute die sardische Küste.
Im Zuge des Spanischen Erbfolgekrieges endete die lange spanische Vorherrschaft. Sardinien gelangte zunächst unter österreichische Kontrolle und wurde schließlich 1720 dem Haus Savoyen übertragen. Das politische Zentrum des Königreichs Sardinien lag nun auf dem Festland in Turin.
Sardischer Aufstand und Sa die de sa Sardigna
1793 versuchte das revolutionäre Frankreich, Sardinien anzugreifen. Die Angriffe wurden abgewehrt.
Dieser Erfolg stärkte auf Sardinien die Forderungen nach größeren politischen Rechten. Eine sardische Delegation reiste nach Turin, konnte ihre Anliegen jedoch nicht ausreichend durchsetzen.
Am 28. April 1794 kam es zum Aufstand gegen die piemontesischen Vertreter. Der Vizekönig und weitere Funktionäre wurden von der Insel verwiesen.
An dieses Ereignis erinnert Sardinien noch heute mit Sa die de sa Sardigna am 28. April.
Die Hoffnungen auf eine weitreichende Selbstbestimmung erfüllten sich jedoch nicht. Im 19. Jahrhundert veränderten verschiedene Reformen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen der Insel. Dazu gehörten die sogenannten Chiudende, durch die gemeinschaftlich genutzte Flächen zunehmend eingefriedet und privatisiert werden konnten.
Seit wann gehört Sardinien zu Italien?
Sardinien gehört seit der Gründung des Königreichs Italien im Jahr 1861 zum italienischen Staat.
Genauer gesagt wurde Sardinien damals nicht einfach von einem bereits bestehenden Italien übernommen. Das vom Haus Savoyen regierte Königreich Sardinien bildete selbst die staatliche Grundlage der italienischen Einigung.
Viktor Emanuel II., bis dahin König von Sardinien, wurde 1861 zum ersten König Italiens. Sardinien selbst blieb innerhalb des neuen Staates allerdings wirtschaftlich und politisch eine weit vom Zentrum entfernte Region.
Sardinien wird autonome Region Italiens
Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Sardinien einen besonderen Autonomiestatus.
1948 wurde das Sonderstatut Sardiniens verabschiedet. Damit wurde Sardinien zu einer italienischen Region mit besonderer Autonomie. Die ersten Regionalwahlen folgten 1949.
Heute ist Sardinien eine der fünf italienischen Regionen mit Sonderstatut – nach einer langen Geschichte zwischen eigenständigen Kulturen, Fremdherrschaften, besonderen politischen Traditionen und dem wiederkehrenden Streben nach größerer Selbstbestimmung.